Die deutsche Einwanderung nach Brasilien wird häufig als Geschichte von Aufbruch, Arbeit, kultureller Bewahrung und wirtschaftlichem Erfolg erzählt. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die ihre Heimat verließen, in einem anderen Land Siedlungen errichteten, Landwirtschaft und Gewerbe entwickelten, Schulen, Kirchen und Vereine gründeten und damit zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Brasiliens beitrugen.
Diese Geschichte ist nicht falsch. Sie ist aber unvollständig.

Neben den Lebensleistungen einzelner Einwanderer existierten politische Vorstellungen, institutionelle Verbindungen und ideologische Strömungen, die über die private Bewahrung von Sprache, Religion und Tradition hinausgingen. Teile der deutschen Auswanderungsdebatte verstanden Siedlungsgebiete in Südbrasilien als Räume, in denen das Deutschtum dauerhaft erhalten und gegen Assimilation geschützt werden sollte. Schulen, Kirchen, Lehrervereine, Presseorgane, Kulturvereine, Wirtschaftsverbände, Unternehmen, Konsulate und weitere Einrichtungen erbrachten nicht nur soziale und kulturelle Leistungen. Sie konnten zugleich Sprache, Identität und Vorstellungen kollektiver Zugehörigkeit vermitteln.
Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verbanden sich solche Strukturen teilweise mit nationalistischen, kolonialpolitischen und völkischen Deutungen. Nach 1933 kamen organisierte nationalsozialistische Aktivitäten und transnationale Einflussversuche hinzu.¹
Eine wissenschaftlich verantwortliche Geschichte der deutschen Einwanderung darf deshalb weder die Leistungen der Einwanderer leugnen noch problematische Entwicklungen ausblenden. Sie muss beides untersuchen: die Lebenswirklichkeit konkreter Menschen und die politischen, wirtschaftlichen sowie ideologischen Strukturen, innerhalb derer sie handelten.
Daraus ergibt sich eine zweite Frage, die nicht nur den historischen Gegenstand, sondern auch die heutige Produktion historischen Wissens betrifft: Wer erforscht und interpretiert diese Geschichte? Welche Stimmen gelten als wissenschaftlich maßgeblich? Und welche Rolle spielen institutionelle Zugehörigkeit, akademische Qualifikation, Sprache, geografischer Standort und Zugang zu wissenschaftlichen Netzwerken bei der Verteilung von Deutungsautorität?
Dieser Beitrag weist keine systematische Benachteiligung brasilianischer oder brasilianisch-deutscher Forscher in Deutschland nach. Dafür fehlen bislang spezifische empirische Daten. Er entwickelt vielmehr eine überprüfbare Forschungsfrage: Erhalten Forscher aus Brasilien bei der Untersuchung deutscher Geschichte in ihrem eigenen Land dieselbe wissenschaftliche Autorität wie institutionell etablierte deutsche Wissenschaftler – insbesondere dann, wenn sie problematische Aspekte des Deutschtums nicht innerhalb einer überwiegend harmonisierenden Erinnerungserzählung behandeln?
Zwischen öffentlicher Erinnerung und historischer Forschung
Öffentliche Erinnerung ist nicht mit vollständiger historischer Forschung identisch. Jubiläen, Gedenkveranstaltungen und staatlich oder gesellschaftlich getragene Darstellungen wählen aus, welche Ereignisse hervorgehoben, welche Begriffe verwendet und welche Zusammenhänge in den Hintergrund gerückt werden.
Bei Jubiläen der deutschen Einwanderung nach Brasilien dominieren häufig Begriffe wie Pioniergeist, Fleiß, kulturelles Erbe, Tradition, wirtschaftliche Entwicklung und deutsch-brasilianische Freundschaft. Beiträge zum zweihundertjährigen Jubiläum der Einwanderung stellten insbesondere die Aufbauleistungen der Einwanderer, die Bewahrung deutscher Kultur und die positiven Verbindungen zwischen Deutschland und Brasilien heraus.²
Solche Darstellungen erfüllen eine nachvollziehbare gesellschaftliche und diplomatische Funktion. Sie würdigen Lebensleistungen und betonen das Verbindende zwischen beiden Ländern. Problematisch werden sie erst, wenn sie als annähernd vollständige Darstellung der Geschichte erscheinen.
Die Konzentration auf Erfolg, Kultur und Integration kann andere Fragen in den Hintergrund drängen: Welche politischen Ziele verbanden deutsche Akteure mit der Auswanderung? Welche Bedeutung besaß das Deutschtum als eine über staatliche Grenzen hinausreichende Gemeinschaftsvorstellung? Wie wirkten Schulen, Kirchen, Vereine, Unternehmen, Zeitungen, Konsulate und Auslandsorganisationen zusammen? Wo endete die legitime Bewahrung von Kultur, und wo begann die Vorstellung einer dauerhaften ethnischen Sonderordnung innerhalb Brasiliens?
Untersuchungen früherer Jubiläumsfeiern zeigen, wie Gedenken zur Konstruktion kollektiver Selbstbilder beitragen konnte. Bei der Hundertjahrfeier der deutschen Einwanderung von 1924 wurden die Einwanderer und ihre Nachkommen insbesondere als Arbeiter, Erbauer und Träger des Fortschritts dargestellt. Arbeit, Treue und wirtschaftlicher Erfolg prägten die öffentlichen Reden. Zugleich blieb ein Teil der konfliktbeladenen jüngeren Vergangenheit außerhalb bestimmter öffentlicher Erinnerungsräume.³
Das bedeutet nicht, dass die positiven Erzählungen unwahr wären. Es zeigt vielmehr, dass Erinnerung auswählt. Wissenschaftliche Forschung muss deshalb auch jene Zusammenhänge untersuchen, die in öffentlichen Selbstbildern keinen selbstverständlichen Platz erhalten.
Deutschtum als Gegenstand kritischer Forschung
Die neuere Forschung zeigt, dass die deutsche Auswanderung nach Südbrasilien nicht ausschließlich als spontane Bewegung einzelner Bauern, Handwerker und Familien verstanden werden kann. Sie war zugleich Gegenstand politischer, wirtschaftlicher und kolonialer Projektionen.
Die Untersuchung Auswanderung als nationalistisches Projekt. „Deutschtum“ und Kolonialdiskurse im südlichen Brasilien (1824–1941) arbeitet heraus, wie Vorstellungen des Deutschtums, koloniale Diskurse und transnationale Verbindungen die deutsche Wahrnehmung Südbrasiliens prägten. Sie zeigt zugleich, dass die soziale Wirklichkeit in Brasilien heterogener war als die idealisierenden und nationalistischen Entwürfe deutscher Akteure. Die Einwanderer und ihre Nachkommen bildeten keinen einheitlichen politischen Block. Dennoch bestanden Bestrebungen, deutsche Sprache, Kultur und kollektive Identität über nationale Grenzen hinweg institutionell zu bewahren.⁴
Gerade diese Differenz ist entscheidend. Die Feststellung, dass nicht alle deutschen Einwanderer nationalistisch, völkisch oder nationalsozialistisch dachten, widerlegt nicht die Existenz entsprechender Ideen und Organisationen. Ebenso wenig darf deren Existenz dazu benutzt werden, sämtliche Einwanderer und ihre Nachkommen unter einen pauschalen Verdacht zu stellen.
Wissenschaftliche Redlichkeit verlangt eine Unterscheidung zwischen der Lebenswirklichkeit einzelner Familien, den Interessen lokaler Eliten, der Arbeit von Schulen und Vereinen, den Aktivitäten von Kirchen, der deutschen Außenpolitik, wirtschaftlichen Verbindungen und der späteren Tätigkeit nationalsozialistischer Organisationen.
Auch die brasilianische Forschung hat hierzu wesentliche Beiträge geleistet. Untersuchungen zur kulturellen Dimension der Einwanderung zeigen, wie Ideen, Werte, Sprache und institutionelle Formen zwischen Deutschland und Brasilien zirkulierten. Schulen, religiöse Einrichtungen und Vereine waren danach nicht nur praktische Antworten auf das Fehlen staatlicher Infrastruktur. Sie waren zugleich Orte, an denen ethnische Identität hergestellt, vermittelt und über Generationen bewahrt wurde.⁵
Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob deutsche Einwanderer ihre Sprache, Religion und Traditionen bewahren durften. Historisch relevant ist vielmehr, welche weitergehenden Vorstellungen mit dieser Bewahrung verbunden wurden, welche Organisationen daran beteiligt waren und in welchem Verhältnis diese Strukturen zur brasilianischen Gesellschaft und zum brasilianischen Staat standen.
Auch die Formel von einer „Nation in der Nation“ darf nicht als pauschale Beschreibung aller deutschsprachigen Gemeinschaften verwendet werden. Sie bezeichnet zunächst eine historische Konfliktfrage: Entstanden in bestimmten Regionen Strukturen, die nicht nur kulturelle Eigenständigkeit, sondern eine dauerhafte ethnisch definierte Sonderstellung förderten? Diese Frage kann weder durch romantische Erinnerung noch durch pauschale Verdächtigung beantwortet werden. Sie verlangt die genaue Untersuchung von Quellen, Institutionen, Akteuren und Zeitabschnitten.
Nationalsozialistische Einflüsse differenziert untersuchen
Besondere wissenschaftliche Sorgfalt ist bei der Untersuchung nationalsozialistischer Einflüsse erforderlich. In Brasilien bestand zwischen 1928 und 1938 eine organisierte Struktur der NSDAP. Die brasilianische Sektion war zahlenmäßig begrenzt, galt jedoch als größte Auslandsorganisation der Partei außerhalb Deutschlands. Die formelle Mitgliedschaft erfasste nur einen kleinen Teil der in Brasilien lebenden deutschen Staatsangehörigen und einen noch geringeren Teil der gesamten deutschstämmigen Bevölkerung. Eine pauschale Gleichsetzung von Deutschtum und Nationalsozialismus wäre deshalb historisch unzulässig.⁶
Ebenso unzulässig wäre es jedoch, ausschließlich auf die begrenzte Zahl formeller Parteimitglieder zu verweisen und daraus auf die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit nationalsozialistischer Einflüsse zu schließen. Politische Wirkung beschränkt sich nicht auf Parteimitgliedschaften. Sie kann über Presseorgane, Schulen, Vereine, Unternehmen, kulturelle Veranstaltungen, diplomatische Vertretungen, persönliche Netzwerke und wirtschaftliche Abhängigkeiten vermittelt werden. Neuere Arbeiten untersuchen deshalb die transnationale Verbreitung nationalsozialistischer Inhalte über deutschsprachige Medien und institutionelle Verbindungen.⁷
Die wissenschaftliche Aufgabe besteht darin, weder zu beschönigen noch zu übertreiben. Nationalsozialistische Organisationen, Sympathien und Einflussversuche müssen benannt werden. Gleichzeitig müssen ihre Reichweite, ihre gesellschaftlichen Grenzen, lokale Konflikte und die unterschiedlichen Reaktionen der deutschsprachigen Bevölkerung präzise rekonstruiert werden.
Eine solche Darstellung verschiebt den Schwerpunkt von einer ausschließlich positiven Erfolgsgeschichte hin zu einer verflochtenen Geschichte, in der kulturelle Leistungen, ethnische Selbstbehauptung, institutionelle Macht, Nationalismus und politische Einflussnahme nebeneinander untersucht werden.
Deutungsautorität als institutionelles Problem
Die Frage, wer diese Geschichte mit wissenschaftlicher Autorität erzählen kann, darf nicht vorschnell auf nationale Herkunft oder Hautfarbe reduziert werden. Ein in Brasilien geborener Forscher kann weiß sein, europäische Vorfahren haben, die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, einen deutschen Universitätsabschluss erworben haben und seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Eine mögliche institutionelle Marginalisierung wäre in diesem Fall nicht ohne Weiteres als rassistische Ausgrenzung zu erklären.
Die präzisere analytische Kategorie ist die institutionelle und geografische Position innerhalb der Wissensproduktion.
Ein institutionell etablierter deutscher Historiker verfügt gewöhnlich über eine Universität, einen Lehrstuhl oder ein Forschungsprojekt als organisatorischen Hintergrund. Er hat Zugang zu Fachzeitschriften, Konferenzen, Förderinstitutionen, Begutachtungsverfahren und wissenschaftlichen Netzwerken. Seine grundsätzliche Berechtigung, deutsche Geschichte zu interpretieren, wird normalerweise nicht von seiner nationalen Herkunft abhängig gemacht.
Ein Forscher aus Brasilien kann dagegen als Kenner brasilianischer Quellen, Vermittler zwischen beiden Ländern oder Träger regionaler Erfahrung wahrgenommen werden, ohne automatisch dieselbe Autorität bei der theoretischen und historischen Einordnung deutscher Geschichte zu erhalten. Ob dies im konkreten Forschungsfeld tatsächlich geschieht, ist bislang nicht hinreichend untersucht.
Die internationale Forschung über Wissensproduktion beschreibt allerdings ein allgemeines Gefälle zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden. Forschende aus dem Globalen Süden werden in wissenschaftlichen Kooperationen teilweise als lokale Partner, Datenlieferanten oder Kenner regionaler Verhältnisse einbezogen, während theoretische Rahmung, Projektleitung, Veröffentlichung und institutionelle Anerkennung überwiegend bei Einrichtungen des Globalen Nordens verbleiben. Ressourcen, Sprache, Publikationsmöglichkeiten, Netzwerke und wissenschaftliches Prestige beeinflussen dadurch, wessen Wissen als allgemein gültig und wessen Wissen als lediglich lokal wahrgenommen wird.⁸
Für die deutsche Afrikaforschung wurde dieses Problem ausdrücklich thematisiert. Ein Fachbeitrag kritisiert die Ausgrenzung afrikanischer und deutscher BIPoC-Wissenschaftler aus der anerkannten Wissensproduktion über Afrika.⁹ Diese Befunde können jedoch nicht unmittelbar auf die deutsch-brasilianische Migrationsgeschichte übertragen werden. Die historischen, rassistischen und kolonialen Konstellationen unterscheiden sich erheblich.
Die Afrikaforschung dient hier deshalb nicht als Beweis, sondern als Vergleichsfolie. Sie macht einen Mechanismus sichtbar, der auch in anderen Regionalforschungen empirisch geprüft werden kann: die mögliche Trennung zwischen regionaler Erfahrung und institutionell anerkannter Deutungsautorität.
Untersuchungen zum deutschen Hochschulsystem verweisen darüber hinaus auf koloniale Kontinuitäten sowie auf Schwierigkeiten im institutionellen Umgang mit Migration, ethnischer Vielfalt und ungleicher Zugehörigkeit.¹⁰ Andere Studien beschreiben eine „einschließende Ausgrenzung“ ausländischer Wissenschaftler: Sie werden formal aufgenommen und fachlich genutzt, verbleiben jedoch in unsicheren oder nachgeordneten institutionellen Positionen.¹¹ Auch diese Ergebnisse beweisen keine Benachteiligung brasilianischer Historiker im hier behandelten Forschungsfeld. Sie begründen lediglich, warum eine entsprechende Untersuchung sinnvoll wäre.
Alternative Erklärungen müssen ernst genommen werden
Wenn ein unabhängiger Forscher keinen Lehrauftrag, keine Projektförderung oder keine Einladung zu einer wissenschaftlichen Veranstaltung erhält, ist dies für sich genommen kein Beweis für institutionelle Ausgrenzung oder nationale Deutungshoheit.
Mehrere andere Erklärungen kommen infrage: eine fehlende Promotion oder Habilitation, keine aktuelle institutionelle Anbindung, zu wenige Publikationen in einschlägigen Fachzeitschriften, mangelnde Einbindung in wissenschaftliche Netzwerke, methodische Einwände, fehlender Lehrbedarf, begrenzte finanzielle Mittel oder die Konkurrenz bereits etablierter Fachwissenschaftler.
Diese Faktoren besitzen im akademischen Betrieb reales Gewicht. Ein deutscher unabhängiger Forscher ohne Promotion und ohne universitäre Anbindung könnte auf vergleichbare Schwierigkeiten stoßen. Deshalb muss zwischen zwei möglichen Problemen unterschieden werden:
- fehlende Anerkennung aufgrund der kritischen Perspektive oder der Herkunft eines Forschers;
- fehlende Anerkennung aufgrund formaler akademischer und institutioneller Voraussetzungen.
Beide Ebenen können zusammenwirken, dürfen aber nicht gleichgesetzt werden.
Eine belastbare Untersuchung müsste deshalb Personen mit vergleichbaren Qualifikationen, Publikationsleistungen, Sprachkenntnissen und Forschungsprofilen vergleichen. Erst dann ließe sich prüfen, ob nationale Herkunft, geografischer Forschungsstandort oder eine vom etablierten Rahmen abweichende Interpretation einen eigenständigen Einfluss auf wissenschaftliche Anerkennung besitzen.
Zugleich sind die genannten akademischen Voraussetzungen nicht vollkommen neutral. Auch der Zugang zu Promotionen, Netzwerken, Fördermitteln, Fachzeitschriften und institutioneller Beschäftigung wird durch soziale und organisatorische Strukturen geprägt. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede fehlende Anerkennung bereits als Diskriminierung interpretiert werden darf. Es folgt lediglich, dass formale Kriterien selbst zum Gegenstand der Untersuchung gehören.
Welche empirischen Daten fehlen?
Die zentrale Forschungsfrage lässt sich nur durch feldspezifische Daten beantworten. Untersucht werden müsste zunächst, wer in Deutschland über die Geschichte der deutschen Einwanderung nach Brasilien forscht, lehrt und publiziert.
Eine solche Untersuchung könnte erfassen:
- die Herkunft und institutionelle Zugehörigkeit der Autoren einschlägiger deutschsprachiger Fachpublikationen;
- die Zusammensetzung von Tagungen, Herausgebergremien und wissenschaftlichen Beiräten;
- die Leitung und Finanzierung deutsch-brasilianischer Forschungsprojekte;
- die Verteilung von Hauptautorenschaften und nachgeordneten Projektrollen;
- die Themen und Referenten öffentlicher Jubiläumsveranstaltungen;
- die Beteiligung brasilianischer Universitäten und Wissenschaftler an der theoretischen Rahmung gemeinsamer Projekte;
- die Bewertung vergleichbarer kritischer Thesen, wenn sie von deutschen oder brasilianischen Forschern vorgetragen werden;
- die Vergabe von Lehraufträgen und Gastprofessuren mit Brasilienbezug.
Auch konkrete Einzelfälle könnten als Ausgangspunkt dienen: dokumentierte Bewerbungen, vorgeschlagene Lehrveranstaltungen, Einladungen, Ablehnungen, Begutachtungen oder die Zusammensetzung bestimmter Tagungsprogramme. Ein einzelner Fall könnte kein strukturelles Muster beweisen. Mehrere vergleichbare Fälle könnten jedoch Hinweise darauf liefern.
Solange solche Daten nicht erhoben worden sind, bleibt die Vermutung institutioneller Deutungshoheit eine plausible, aber unbewiesene Hypothese.
Von der Anklage zum Forschungsprogramm
Die gegenwärtige Quellenlage erlaubt nicht die Feststellung, dass in Deutschland nur deutsche Wissenschaftler über die deutsche Einwanderung in Brasilien sprechen dürften. Sie zeigt jedoch drei unterschiedliche Befunde.
Erstens ist historisch gut belegt, dass die deutsche Einwanderung nicht nur als Erfolgsgeschichte betrachtet werden kann. Deutschtum, nationalistische Kolonialdiskurse, institutionelle Netzwerke und nationalsozialistische Einflüsse gehören zu ihrer Geschichte.
Zweitens zeigen öffentliche Jubiläumsdarstellungen, dass Erinnerung häufig selektiv ist und positive Erzählungen über Arbeit, Fortschritt und kulturelles Erbe bevorzugt.
Drittens belegt die internationale Wissenschaftsforschung strukturelle Ungleichheiten bei der Produktion und Anerkennung von Wissen zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden. Ob dieses allgemeine Gefälle auch die deutsch-brasilianische Migrationsforschung prägt, ist jedoch offen.
Die wissenschaftlich verantwortliche Frage lautet daher nicht:
Verhindert Deutschland, dass brasilianische Forscher seine Geschichte kritisch untersuchen?
Sie lautet:
Wer besitzt in der deutsch-brasilianischen Geschichtsforschung Deutungsautorität, und welchen Einfluss haben institutionelle Zugehörigkeit, geografischer Standort, formale Qualifikation und Herkunft auf die Anerkennung wissenschaftlicher Perspektiven?
Diese Formulierung ersetzt eine noch nicht belegbare Anklage durch ein überprüfbares Forschungsprogramm.
Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Schritte zur kritischen Aufarbeitung seiner Geschichte unternommen. Gerade deshalb sollte es selbstverständlich sein, dass Teile dieser Geschichte auch aus Brasilien betrachtet und möglicherweise anders gewichtet werden.
Die Geschichte der Deutschen in Brasilien gehört weder Deutschland noch Brasilien allein. Sie ist eine verflochtene Geschichte beider Gesellschaften. Eine wissenschaftlich angemessene Erforschung verlangt daher nicht die Ablösung deutscher durch brasilianische Deutungshoheit. Sie verlangt die gleichberechtigte Beteiligung beider Perspektiven und die Bereitschaft, ihre jeweiligen Voraussetzungen kritisch zu prüfen.
Fußnoten
¹ Vgl. Frederik Schulze, Auswanderung als nationalistisches Projekt. „Deutschtum“ und Kolonialdiskurse im südlichen Brasilien (1824–1941), Köln/Weimar/Wien 2016. Verlagsdarstellung; Ana Maria Dietrich, Nazismo tropical? O Partido Nazista no Brasil, Dissertation, Universidade de São Paulo 2007. Repositorium der USP
² Vgl. Deutschland.de, „Brasilien: 200 Jahre deutsche Einwanderung“, 30. April 2024. Beitrag auf deutschland.de; Leitorado Brasileiro am Heidelberg Center for Ibero-American Studies, „200 Jahre deutsche Einwanderung in Brasilien – Errungenschaften und Perspektiven“. Beitrag des Leitorado Brasileiro
³ Roswithia Weber/Eloisa Helena Capovilla da Luz Ramos, „As comemorações do centenário da imigração alemã no contexto do pós Primeira Guerra Mundial“, in: História: Debates e Tendências, Bd. 14, Nr. 2, 2014, S. 347–359. Volltext
⁴ Schulze, Auswanderung als nationalistisches Projekt. Bibliografischer Nachweis der Universität Bielefeld; Andreas Hübner, Rezension zu Frederik Schulze, in: Neue Politische Literatur, Bd. 62, Nr. 3, 2017, S. 512–513. Rezension bei recensio.net
⁵ Giralda Seyferth, „A dimensão cultural da imigração“, in: Revista Brasileira de Ciências Sociais. Volltext bei SciELO; „Brasil – Zeitgeist ou espírito alemão: etno-história de germanidade e processos de institucionalização da escola“. Beitrag bei SciELO
⁶ Dietrich, Nazismo tropical? O Partido Nazista no Brasil. Volltext über die Bibliothek des Tribunal Superior Eleitoral; vgl. außerdem Luís Edmundo de Souza Moraes, „Do ‚perigo alemão‘ ao ‚neonazismo‘ no Brasil“, in: História: Questões & Debates, Nr. 58, 2013. Volltext
⁷ Vgl. „Nazificação Transnacional“, in: História, Histórias, 2025. Beitrag auf dem Zeitschriftenportal der Universidade de Brasília
⁸ Vgl. Carina M. Schöpf, „The Coloniality of Global Knowledge Production“, 2020. Volltext; dies., „Re-thinking the Decolonisation of Knowledge Production“, in: Third World Quarterly, 2025. Fachartikel
⁹ Lynda Iroulo u. a., „Dear German Academia: What Is Your Role in African Knowledge Production?“, in: Africa Spectrum, 2022. Publikationsseite des GIGA; Volltext bei SSOAR
¹⁰ Lisa Unangst u. a., „Coloniality in the German Higher Education System“, in: Social Inclusion, 2021. Volltext bei SSOAR
¹¹ Betül Yarar, „Inclusive-Exclusion of Exiled Scholars into German Universities“, 2023. Fachartikel
