Was Geschichte über Loyalität, Verantwortung und den Mut zu unbequemen Wahrheiten lehrt
Dieser Leadership Insight baut auf der historischen Studie „Zwischen nationalem Selbstschutz und selbstkritischer Erinnerung – Deutschland, die Vertriebenenfrage und der Umgang mit der eigenen Geschichte“ auf. Die dort untersuchten historischen Entwicklungen werfen eine Frage auf, die weit über die deutsche Geschichte hinausreicht: Wie sollte verantwortungsvolle Führung handeln, wenn Wahrheit, Loyalität, gesellschaftliche Erwartungen und das positive Selbstbild einer Gemeinschaft miteinander in Konflikt geraten?
Gute Führung zeigt sich nicht darin, eine Nation, eine Organisation oder eine gesellschaftliche Gruppe möglichst positiv erscheinen zu lassen. Sie zeigt sich darin, auch dann Verantwortung zu übernehmen, wenn historische Tatsachen dem eigenen Selbstbild widersprechen.
Die Geschichte der deutschen Erinnerung nach 1945 verdeutlicht, wie schwierig diese Aufgabe sein kann. Eine Regierung musste Millionen Vertriebene integrieren und deren tatsächliches Leid anerkennen. Gleichzeitig durfte dieses Leid nicht von der Vorgeschichte getrennt werden: dem von Deutschland begonnenen Krieg, der Besatzung großer Teile Europas und den nationalsozialistischen Verbrechen. Führung bestand deshalb nicht darin, zwischen „deutschen Opfern“ und „ausländischen Opfern“ zu wählen. Die eigentliche Aufgabe bestand darin, beides gleichzeitig anzuerkennen und dennoch Ursache, Verantwortung und historische Reihenfolge nicht zu verwischen.
Gerade hier entsteht eine allgemeine Leadership-Lektion. Führungskräfte stehen häufig unter dem Druck, die eigene Gemeinschaft zu schützen. Politiker wollen ihre Wähler nicht verlieren, Unternehmensleitungen ihre Organisation nicht beschädigen, Staaten ihr internationales Ansehen bewahren. Dieser Schutzinstinkt ist verständlich. Er wird jedoch gefährlich, wenn aus dem Schutz der Menschen der Schutz einer Erzählung wird.
Verantwortungsvolle Führung muss deshalb zwischen Loyalität und Wahrheit unterscheiden können. Loyalität gegenüber einem Land bedeutet nicht, seine Vergangenheit günstiger darzustellen, als sie war. Loyalität gegenüber einer Organisation bedeutet nicht, Fehler zu verdecken. Und die Anerkennung des Leids der eigenen Gruppe darf nicht dazu führen, das Leid anderer aus dem Blick zu verlieren oder die eigene vorausgegangene Verantwortung zu relativieren.
Die vielleicht schwierigste Führungsleistung besteht darin, der eigenen Gemeinschaft etwas zu sagen, was sie nicht gerne hört. Wer nur bestätigt, was die eigene Wählerschaft, Organisation oder Nation ohnehin glauben möchte, verwaltet Zustimmung. Führung beginnt dort, wo jemand bereit ist, zwischen kurzfristiger Zustimmung und langfristiger Verantwortung zu unterscheiden.
Das gilt ebenso für Erinnerungspolitik. Eine Gesellschaft wird nicht schwächer, wenn sie die dunklen Seiten ihrer Geschichte kennt. Sie wird schwächer, wenn sie ihre Identität davon abhängig macht, dass diese Geschichte möglichst günstig erzählt wird. Historische Reife bedeutet, eigene Leistungen würdigen zu können, ohne eigenes Fehlverhalten zu verschweigen, und eigenes Leid anzuerkennen, ohne die Perspektive derjenigen zu verdrängen, die zuvor unter dem eigenen Handeln gelitten haben.
Auch die Integration politisch einflussreicher Gruppen enthält eine Führungslektion. Nach 1945 war es notwendig, Millionen Vertriebene gesellschaftlich und wirtschaftlich zu integrieren. Demokratische Führung musste ihre Bedürfnisse berücksichtigen. Sie durfte jedoch nicht automatisch jede politische Selbstdeutung dieser Gruppen übernehmen. Menschen zu integrieren bedeutet nicht, ihre Geschichtserzählung ungeprüft zu institutionalisieren. Eine demokratische Führung muss Menschen einbeziehen und gleichzeitig historische Verantwortung bewahren können.
Diese Lektion ist nicht spezifisch deutsch. Jede Nation entwickelt Narrative über sich selbst. Jede politische Gemeinschaft erinnert eigenes Leid leichter als Leid, das sie anderen zugefügt hat. Jede Regierung kann versucht sein, Kritik als Belastung des nationalen Ansehens zu betrachten. Genau deshalb ist Geschichte für Leadership so wertvoll: Sie zeigt, was geschieht, wenn Loyalität zur Gemeinschaft mit Loyalität zu einem positiven Selbstbild verwechselt wird.
